Wer Bücher schenkt, schenkt Wertpapiere.

Erich Kästner

Buchtipps des Monats - Januar 2008

    Handke: Die morawische Nacht
  • Peter Handke
  • Die morawische Nacht. Erzählung
  • Suhrkamp Verlag 2008
  • ISBN 978-3-518-41950-2
  • € 28.00

Die Jahreszeit: nicht lang nach Frühlingsanfang. Neumond. Leichter Nachtwind, verstärkt in Flussnähe. Präzise beschreibt Peter Handke die Szene gleich am Beginn. Wir befinden uns an der Morawa, einem Nebenfluss der Donau in Serbien, der schon einmal - in der "winterlichen Reise" - Schauplatz der Handkeschen Prosa war. Dort liegt ein Boot vor Anker, bewohnt wird es von einem ehemaligen Autor. Der Name des Bootes: "Die Morawische Nacht". Als eine Abwandlung von "Tausendundeine Nacht" hat Peter Handke seine große Erzählung beschrieben. Samara hätte sie heißen sollen, was so viel bedeutet wie "die Nacht im Gespräch verbringen". Und eine Nacht lang erzählt auch der Bootseigner, der ehemalige Autor, sieben Zuhörern von seiner Rundreise durch Europa, einer Rundflucht, Irrfahrt, Todesfahrt oder einem "Amoklauf", wie es auch heißt. Auf der Flucht ist er vor einer Frau, seiner Todfeindin, einer Unbekannten. Viel ist auch von einer unbekannten Gefahr die Rede, einer so genannten inneren Gefahr, die diesen Autor antreibt - für Handke Anlass zu ironischen Kommentaren. Es sind die Schreib- und Lebensorte des Peter Handke, an denen der Erzähler der "morawischen Nacht" Station macht: auf der Adria Insel, auf der er sein erstes Buch geschrieben hatte - die Insel Krk bekommt da den Phantasienamen Cordura -, in der spanischen Meseta, die wir bereits aus dem "Versuch über die Jukebox" kennen, oder auch am Herkunftsort seines verstorbenen Vaters im Südharz. Weiter geht dann die Reise zu seinem "vorgenommenen Hauptziel: Dem tiefen Österreich". Nach Wien, nach Graz und in die Kindheitsgegend Kärnten. Ein Satz dazu: "An einem fremderen Ort, unter fremderen Menschen, Tieren, Dingen als jetzt hier in der Stammgegend hatte er sich nie bewegt." Vertraut sind dem Handke-Leser die Schauplätze, Themen und Motive, die die gesamte morawische Nacht durchziehen - von dem Debüt "Die Hornissen" bis zu dem großen Roman "Der Bildverlust". Filip Kobal aus der "Wiederholung" tritt ebenso auf wie Gregor Keuschnig aus der "Stunde der wahren Empfindung". Zu guter letzt landet der Erzähler wieder auf dem Balkan - zuhause. Er kehrt zurück zu seinem Boot, das sich im Lauf der morawischen Nacht in Nichts aufgelöst hat. Die Morawa ist versiegt, die nächtliche Erzählung ein Traumgebilde, die Morawische Nacht eine Fiktion. "Was hatte er bloß bei den Verlorenen auf dem Balkan zu suchen gehabt?", fragt der Erzähler am Ende der Geschichte. Und "...war das überhaupt noch der Balkan. Nach seinen ausführlichen Auslassungen zum Krieg am Balkan setzt Peter Handke jetzt in der "Morawischen Nacht" seine Weltpoetisierung fort - sprachmächtig, souverän und virtuos. Reiseskizzen und Episoden wechseln mit Reflexionen über das Böse, das Schreiben, und über die Stille, der weihevolle Ton kippt immer wieder in Ironie und Selbstironie. Einmal mehr erweist sich Handke als Meister des genauen Hinschauens, des präzisen Benennens, der poetischen Verdichtung. Peter Handke hat ein großes Lebensbuch geschrieben.

    Materni: Teufelshuf und Himbeerbrause
  • Undine Materni
  • Teufelshuf und Himbeerbrause. Eine höllisch-spannende Geschichte. Undine Materni & Jörg Bretschneider
  • Edition Sächsische Zeitung 2007
  • ISBN 978-3-938325-42-1
  • € 12.90

Der Teufel, er nennt es Höllenleid, wir Menschen, wir nennen es - LIEBE. Die glücklichen Großeltern sind gerade in ihr kleines Häuschen am Rande der Stadt gezogen, da bekommen sie unerwarteten Besuch. Der Kerl mit dem Pferdehuf steht plötzlich in der Tür. Er will die Großeltern richtig verteufeln und denkt sich mit seinen Kumpanen - der Hexe, dem Gerippe und den beiden Irrlichtern - üble Gemeinheiten aus um sie auseinander zu bringen. Denn eines kann er überhaupt nicht leiden, wenn sich Leute richtig lieb haben. Nach vielen Bosheiten und schlaflosen Nächten begibt sich Großvater auf die Suche nach dem Teufel, um ihm das Handwerk zu legen. Dabei macht er eine merkwürdige Entdeckung: der Teufel wohnt nicht in einer dunklen Höhle sondern in einem wunderschönen Schloss, wo es täglich Schokoladenpudding und Himbeerbrause gibt. Und der Teufel scheint auch garnicht mehr so böse zu sein...Ob sich Großvater wieder von ihm täuschen lässt? Eine höllisch-spannende Geschichte für mutige Kinder ab 9 und verliebte Großeltern

Infoseite der Autorin

    Güldner: Böhmische 21
  • Edward Güldner
  • Böhmische 21
  • Notschriften-Verlag 2007
  • ISBN 978-3-940200-10-7
  • € 11.90

Bei Hinterhöfen hatte ich immer die Vorstellung von dunklen Löchern, in denen kein Grün eine Chance hat und das Tageslicht sich nur an den oberen Rändern der Dächer zeigt, bewohnt von lichtscheuen, düsteren Personen; kannte ich doch hauptsächlich die trostlosen, aneinandergereihten Berliner Gevierte und in Dresden nur einige Höfe in Pieschen, so war ich überrascht, hinter dem geduckten, von Kindern bunt beklecksten Häuschen, einen hellen, großen Hof zu finden, in dem Blumen, Sträucher und Bäume wuchsen und in den die Zweige einer mächtigen Kastanie ragen ...

Neuausgabe 2007 der Erzählungen von 1998, Hardcover, 80 Seiten. Mit Zeichnungen von Rainer Wriecz