Bücher sind nur dickere Briefe an Freunde.

Jean Paul

Buchtipps des Monats - August 2008

    Gruenter: Sommergäste in Trouville
  • Undine Gruenter
  • Sommergäste in Trouville
  • Berliner Taschenbuch-Verlag 2005
  • ISBN 978-3-8333-0085-1
  • € 9.90

Undine Gruenter erzählt vom Meer und den Sommergästen, von den Hotels und denen, die dort ihre Ferien verbringen, aber auch von jenen, die in den verlassenen Orten bleiben, wenn der Trubel der Hochsaison vorbei ist und im Herbst nur die immer gleichen Dauergäste bleiben. So war es in der Belle Époque, und so ist es heute noch: Wer im Sommer von Paris ans Meer will, der fährt an die bretonische oder normannische Küste. Doch die Zeiten und die Moden ändern sich, und der Glanz der großen Zeiten von Flaubert bis Proust ist verblasst auf den Promenaden und den Stränden, unter den Markisen der Cafés und in den Gärten der Ferienvillen. Undine Gruenter entwirft ein Tableau von faszinierenden Figuren: Da ist die Achtzigjährige, die seit Jahr und Tag hierher zurückkehrt und bereits von dem ewig gleichen Taxifahrer erwartet wird, und da ist das kleine Mädchen, das die Ruhe der schattigen Ferienvilla für seine ersten erotischen Versuche nutzt, da sind Künstler, Geschäftsleute und rätselhafte Müßiggänger. Mit großer atmosphärischer Dichte und sprachlicher Finesse lässt Undine Gruenter eine Welt entstehen, die von großer Wirklichkeit ist und zugleich immer wirkt wie ein Traum aus einer anderen Zeit.

Undine Gruenter wurde 1952 in Köln geboren. Sie studierte Jura und Literaturwissenschaft und veröffentlichte zahlreiche Romane und Erzählbände. Sie starb 2002 in Paris, wo sie seit Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts lebte.

    Krüss: Mein Urgroßvater und ich
  • James Krüss
  • Mein Urgroßvater und ich
  • Oetinger 2009
  • ISBN 978-3-7891-0693-4
  • € 7.50

Der zehnjährige Boy hat einen kranken Fuß, und auch Urgroßvater ist nicht sehr unternehmungslustig. Deshalb richten sie sich auf Urgroßmutters Dachstübchen ein und schmieden Verse - sieben Tage lang. Es gilt nämlich herauszufinden, was eigentlich ein wahrer Held ist. Auf Tapetenrollen schreiben beide eine Heldenkunde aus Geschichten, Gedichten, Balladen und manch kleiner Fabel zum Lob des Heldentums ... Auch als Hörbuch, gesprochen von Wiglaf Droste, erhältlich (2 Audio-CDs, Kein & Aber, ISBN 978-3-0369-1170-0, € 17,90)

James Krüss (1926-1997) zählt zu den bekanntesten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren, sein Werk wurde in 30 Sprachen übersetzt. "'Mein Urgroßvater, die Helden und ich' ist ein Buch über Großherzigkeit und Mut, über wahres und falsches Heldentum, über Klugheit, List und Zivilcourage." (Wiglaf Droste)

    Maron: Stille Zeile Sechs
  • Monika Maron
  • Stille Zeile Sechs
  • Süddeutsche Zeitung Bibliothek 2007
  • ISBN 978-3-86615-540-4
  • € 5.90

Die DDR Mitte der achtziger Jahre: Rosalind Polkowski, zweiundvierzigjährige Historikerin, beschließt, ihren Kopf von der Erwerbstätigkeit zu befreien und ihre intellektuellen Fähigkeiten nur noch für die eigenen Interessen zu nutzen. Herbert Beerenbaum, ehemals ein mächtiger Funktionär, bietet ihr eine Gelegenheitsarbeit: Rosalind soll, da seine rechte Hand gelähmt ist, seine Memoiren aufschreiben. "Er war mir wegen seines kurzen, aus den Kniegelenken geworfenen und auf der ganzen Sohle landenden Schritts aufgefallen, eine Art der Fortbewegung, die ich häufig an alten Männern beobachtet habe,von denen ich annahm, daß sie es aus ihren jüngeren Jahren gewohnt waren, sicher und, wie meine Mutter sagen würde, forsch aufzutreten." Trotz Rosalinds Vorsatz, nur ihre Hand, nicht aber ihren Kopf in den Dienst dieses Mannes zu stellen, kommt es zu einem Kampf um das Stück Geschichte, das beider Leben ausmachte, in dem der eine erst Opfer dann Täter war, und als dessen Opfer sich Rosalind fühlt. Die Auseinandersetzung mit Beerenbaum lässt sie etwas ahnen von den eigenen Abgründen und den eigenen Fähigkeiten zur Täterschaft. Stille Zeile Sechs ist die Adresse Beerenbaums, eine ruhige, gepflegte Gegend für Privilegierte, weit entfernt von dem, was in den Straßen der DDR vor sich geht ...

    Kurzeck: Ein Sommer, der bleibt
  • Peter Kurzeck
  • Ein Sommer, der bleibt. Peter Kurzeck erzählt das Dorf seiner Kindheit (4 Audio-CDs, 290 Minuten)
  • Suppose Verlag 2007
  • ISBN 978-3-932513-85-5
  • € 34.80

Das Dorf Staufenberg im Landkreis Gießen liegt auf einer Felskuppe. Hoch oben die alte Burg. Wenn der böhmische Flüchtlingsjunge Peter vom Turm ins Tal blickt, kommt ihm das wogende Korn vor wie das Meer, das er nicht kennt, sich aber immer wieder vorstellen muss, und die Flugameisen, die nur hier und nur an wenigen, Jahr für Jahr wiederkehrenden Tagen Hochzeit feiern, erzählen ihm vom Sommer, der kommt. Er sieht die Menschen im Dorf, von denen er nun selbst einer ist, und er sieht all die Wege, die vom Dorf wegführen: in die Weite des Tals vor dem Autobahnbau, zur Lahn und den Lahnwiesen, wo er mit den anderen Kindern spielt und einmal fast sein Taschenmesser verliert, zur Mühle, wo er mit seiner Mutter um ein Säckchen Mehl bittet, zum Rex-Filmtheater Lollar und zur Buderus-Hütt, dem großen Eisenwerk, nach Gießen zum Papierwarenhändler und zum Teufelslustgärtchen, und nicht zuletzt nach Frankfurt, wohin er später mit seinem Freund Eckart in den großen glitzernden Amischlitten der GIs trampt. Ein Kaleidoskop an Geschichten fügt sich zu einem detailreichen Bild von Nachkriegsdeutschland und früher Bundesrepublik. Hören und Sprechen nicht als Derivat des Geschriebenen zu begreifen, sondern ihm als eigenständiger Form Gehör zu verschaffen - das war von Anfang an das besondere Anliegen von supposé. Mit "Ein Sommer, der bleibt" gehen wir auf diesem Weg einen bedeutenden Schritt weiter: In langen Gespräch-Sessions haben supposé-Betreiber Klaus Sander und der Schriftsteller Peter Kurzeck das bislang weitgehend mit Wissenschaftlern und Philosophen entwickelte Produktionsverfahren der freien Erzählung für die Literatur angewandt. Herausgekommen ist ein Roman, der ausschließlich in akustischer Form existiert. Vergleichbar der improvisierten Vortragskunst der legendären schwarzen Bluessänger, die er in den 60er Jahren in hessischen Army-Clubs gehört hat, gerät Peter Kurzeck aus dem Gespräch heraus ins Erzählen und findet so zu einer neuen Form des Romans: ein Text, der erst während der Rede, während der Aufnahme entsteht, ohne Buchvorlage oder Manuskript eine Beschwörung. So entspinnt sich aus einer Kindheit im Dorf Staufenberg ein exemplarisches Leben, in dem schließlich die Kunst der Erinnerung in eins fällt mit der Kunst der Literatur.