Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben über die Sterne.

Jean Paul

Buchtipps des Monats - April 2008

    Anger-Schmidt: Neun nackte Nilpferddamen
  • Gerda Anger-Schmidt
  • Neun nackte Nilpferddamen. Gerda Anger-Schmidt / Renate Habinger
  • Arena Verlag 2008
  • ISBN 978-3-401-02980-1
  • € 7.90

Hin und wieder tauchen sie auf, die neun nackten Nilpferddamen. Zum Beispiel unter C wie Countdown. Da stehen sie zwischen zehn zähen Zackelschafen und acht alten Abenteurern. Oder unter E, bei den Eiern. Da spricht eine Schale mit roten Lippen von den grauen Nackerpatzeln. Oder unter J, dem tierischen Jahreskalender. Januar: Judokurs ... Dezember: Jingle Bells einstudieren. Unter S schließlich sind die Dickhäuter bloß zu suchen. Rund um sie herum purzeln inzwischen in unzähligen Beiträgen Buchstaben durcheinander, werden Wörter geschüttelt und Reime erfunden, Fragen gestellt, Geschichten erzählt und Bastelanleitungen gegeben. Neun nackte Nilpferddamen ist ein umfangreiches ABC der flotten Sprachspielereien. Jeder Buchstabe hat seinen Unsinn. Denn: Aller Unsinn macht Spaß. Noch Beispiele gefällig? Unter A tut Anna alles, was ein A enthält enthält. Sie lacht, mag Kalbsbratl und schnappt nach Saft. Unter A reimt sich A, der Aal, ein Prinzgemahl, auf Spital. Werden "Andere Ausdrücke für Auto" gesucht. Beginnt eine Alliteration mit "Als achtzehn Affenjunge an Achterbahnen arbeiteten". Selbstlautet es unter anderem "Albert Einstein ist ohne Unterkunft."

    Stamm: Wir fliegen
  • Peter Stamm
  • Wir fliegen
  • Fischer Verlag 2008
  • ISBN 978-3-10-075128-7
  • € 17.90

In der letzten seiner zwölf neuen Erzählungen deutet Peter Stamm ein kleines Selbstporträt an. Er lässt einen Maler zu sich selbst sagen: „Deine wahre Liebe gilt den Skizzen, den Stimmungen.” Peter Stamm weiß, worin er zu Hause ist, er weiß, was er am besten kann. Das lässt sich in seinem bisherigen Werk genau verfolgen: Auffällig gut gelingen ihm die kurzen Formen, einfühlsame Beschreibungen innerer Zustände, überschaubare, emotional angespannte Konstellationen. Aber irgendwie will er mehr. Und das wird auch gleich in der besagten Erzählung über den Maler deutlich: Sie weitet sich aus zu einer ausladenden Reflexion über das künstlerische Schaffen per se, mit kurzen, pathetischen Aufflügen. Das Stilmittel, den Maler in ein Selbstgespräch zu verwickeln, sich immer wieder fordernd mit du anzusprechen, ist jedoch schnell erschöpft. Es trägt nicht einmal diese wenigen Seiten. Es gibt Geschichten in diesem Band, die wunderbar in sich geschlossen sind, in denen man keinen falschen Zungenschlag und keine Überreizung spürt, da scheint sich der Autor seiner Mittel völlig sicher zu sein. „Drei Schwestern” ist so eine Erzählung, sie hallt lange nach und berührt auf sonderbare Weise. Heidi hat, in ihrer entlegenen Provinz, das Talent zum Zeichnen in sich entdeckt, und ihre Lehrerin ermutigt sie dazu, sich bei der Wiener Kunstakademie zu bewerben. Auf der langen Zugfahrt zu dem Bewerbungsgespräch bekommt sie jedoch Angst, und sie steigt mittendrin, in Innsbruck, aus, wo sie auf einer Parkbank von Rainer angesprochen wird. Mit ihm führt sie dann eine öde, durchschnittliche Ehe.(Süddeutsche Zeitung, 16.04.2008)

    Botton: Glück und Architektur
  • Alain de Botton
  • Glück und Architektur
  • Fischer Verlag 2008
  • ISBN 978-3-10-046321-0
  • € 22.90

„Was ist ein schönes Haus? Für den modernen Menschen ist dies eine unangenehme und vielleicht auch unbeantwortbare Frage, scheint doch der Begriff >Schönheit< nur noch dazu geeignet, fruchtlose und kindische Streitigkeiten auszulösen. Wie könnte jemand behaupten zu wissen, was gefällt? Wie wollte jemand zwischen widersprüch-lichen Stilen entscheiden, wie angesichts konträrer Geschmäcker eine bestimmte Wahl rechtfertigen? Der Anspruch, Schönes zu schaffen, einst die vermeintlich wichtigste Aufgabe jeden Architekten, verschwand stillschweigend aus allen ernsthaften Diskussionen, um als bloße Anforderung in den Köpfen verwirrter Laien zu überdauern.“

Mit elegantem Witz und melancholischem Charme untersucht Alain de Botton auf der Fährte seiner Bestseller »Trost der Philosophie« und »Kunst des Reisens« das verborgene Zusammenspiel von Architektur und Glück: von den Villen Palladios im Veneto bis zu den Wohnhäusern Le Corbusiers, von den Teepavillons in Kyoto bis zu den Türmen von Norman Foster in New York. Ob helles Tageslicht oder Geborgenheit des Schattens, Blümchen oder Bauhaus letztlich müssen wir in uns selbst schauen, um herauszufinden, welches Haus zu uns gehört."

    Beyer: Kaltenburg
  • Marcel Beyer
  • Kaltenburg
  • Suhrkamp Verlag 2008
  • ISBN 978-3-518-41920-5
  • € 19.80

Ludwig Kaltenburg, geboren 1903, Biologe, arbeitet Ende der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts in Posen. Dort begegnet er zum ersten Mal dem Ich-Erzähler, zu diesem Zeitpunkt noch ein Kind. Im Gefolge des Zusammenbruchs des "Dritten Reichs" flüchtet der Junge mit seinen Eltern nach Dresden. Dessen Bombardierung im Februar 1945 überlebt er und beginnt ein Studium der Ornithologie, das ihn erneut in engen Kontakt zu Kaltenburg bringt. Der kann in Dresden ein eigenes Institut gründen und sich internationales Renommee erwerben. Wie erfahren die beiden Wissenschaftler, der angehende und der erfolgreiche, die Gründung und Konsolidierung der DDR in Dresden, welche Wendungen nehmen die Lebensläufe der beiden in den unterschiedlichen Stadien der DDR, wie erlebt der Ornithologe schließlich das Ende der DDR?