Jedes Buch ist eine Hand, die nach unserer Hand greift.

Vilém Flusser

Buchtipps des Monats - Herbst/Winter 2017

    Schulze: Peter Holtz
  • Ingo Schulze
  • Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst
  • S. Fischer 2017
  • ISBN 978-3-10-397204-7
  • € 22.00

Vom Waisenkind zum Millionär - wie konnte das so schiefgehen?
Peter Holtz will das Glück für alle. Schon als Kind praktiziert er die Abschaffung des Geldes, erfindet den Punk aus dem Geist des Arbeiterliedes und bekehrt sich zum Christentum. Als CDU-Mitglied (Ost) kämpft er für eine christlich-kommunistische Demokratie. Doch er wundert sich: Der Lauf der Welt widerspricht aller Logik. Seine Selbstlosigkeit belohnt die Marktwirtschaft mit Reichtum. Hat er sich für das Falsche eingesetzt? Oder für das Richtige, aber auf dem falschen Weg? Und vor allem: Wie wird er das Geld mit Anstand wieder los? Peter Holtz nimmt die Verheißungen des Kapitalismus beim Wort.
Mit Witz und Poesie lässt Ingo Schulze eine Figur erstehen, wie es sie noch nicht gab, wie wir sie aber heute brauchen: in Zeiten, in denen die Welt sich auf den Kopf stellt.

    Strout: Mit Blick aufs Meer
  • Elizabeth Strout
  • Mit Blick aufs Meer
  • btb 2012
  • ISBN 978-3-442-74203-5
  • € 10.00

In Crosby, einer kleinen Stadt an der Küste von Maine, ist nicht viel los. Doch sieht man genauer hin, ist jeder Mensch eine Geschichte und Crosby die ganze Welt. Und Olive Kitteridge, eine pensionierte Mathelehrerin, sieht sehr genau hin. Sie kann stur und boshaft sein, dann wieder witzig, manchmal sogar eine Seele von Mensch. Auf jeden Fall kommt in Crosby keiner an ihr vorbei ... Mit liebevoller Ironie und feinem Gespür für Zwischenmenschliches fügt die amerikanische Bestsellerautorin die Geschichten um Olive und Crosby zu einem unvergesslichen Roman.

    Wonneberger: Sprich oder stirb
  • Jens Wonneberger
  • Sprich oder stirb
  • Müry Salzmann 2017
  • ISBN 978-3-99014-155-7
  • € 19.00

An Dramatik nicht überbietbar, erst recht für einen Menschen der Sprache: Inmitten einer Kopfoperation wird der Patient aus der Narkose geweckt, und er muss - damit der Eingriff gelingt - um sein Leben reden. "Sprich oder stirb", heißt der unbedingte Befehl, Wachkraniotomie nennt es die Medizin.
Virtuos portraitiert Jens Wonneberger einen Mann der wenigen Worte, der sich nun dem Erinnerungsstrom hingibt. Von der Kopffolter langsam genesend und seinerseits das Krankenhauspersonal 'sezierend', erzählt Wonnebergers Patient einen humorvollen wie tiefsinnigen Roman lang von seiner grußlosen Flucht aus der Reisegesellschaft in die Berge und von seinem Absturz. Schien ihm der Grund seiner Flucht anfänglich klar, wird er im Lauf der Zeit immer fragwürdiger. Ist er vor seiner Frau Sabine geflüchtet, die die Reise arrangierte, um die Ehe zu retten? Vor den Bildungsbürgern auf Goethes Spuren oder vor Frau Röhrlich, die ihn mit Schreibaufträgen - zum Geldverdienen - bedrängte?
Von körperlicher Tätigkeit und äußerem Einfluss separiert, kreisen seine Gedanken immer wieder um Sabine oder - so sagt er sich - "Denke ich nur so oft an sie, um nicht an mich denken zu müssen?"
In Wonnebergers neuem Roman wird die Aufforderung zum Sprechen zu einer Metapher für die Lebensnotwendigkeit des Erzählens, für den Sinn von Literatur.

    Morsbach: Justizpalast
  • Petra Morsbach
  • Justizpalast
  • Knaus 2017
  • ISBN 978-3-8135-0373-9
  • € 25.00

Thirza Zorniger stammt aus einer desaströsen Schauspielerehe und will für Gerechtigkeit sorgen. Sie wird Richterin im Münchner Justizpalast, doch auch hier ist die Wirklichkeit anders als die Theorie: Eine hochdifferenzierte Gerechtigkeitsmaschine muss das ganze Spektrum des Lebens verarbeiten, wobei sie sich gelegentlich verschluckt, und auch unter Richtern geht es gelegentlich zu wie in einer chaotischen Familie. "Justizpalast" ist ein Roman über die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, über erregte, zynische, unverschämte, verblendete, verrückte, verwirrte und verzweifelte Rechtssuchende sowie überlastete, mehr oder weniger skrupulöse, kauzige, weise, verknöcherte und leidenschaftliche Richter.

    Tellkamp: Die Carus-Sachen
  • Uwe Tellkamp
  • Die Carus-Sachen. Erzählung
  • Edition Eichthal 2017
  • ISBN 978-3-9817066-3-5
  • € 18.00

Endlich - nach sieben Jahren - ein neues Buch von Uwe Tellkamp.
Im Rahmen einer Vater-Sohn Beziehung schildert der Arzt Uwe Tellkamp Leben und Werk seines berühmten Dresdner Vorgängers Carl Gustav Carus : Mediziner, Schriftsteller, Maler und - vor allem - Naturphilospoph.
Der vielfach ausgezeichnete Buchgestalter Andreas Töpfer bettet die Erzählung ein in sein Dresdner Skizzenbuch.
Entstanden ist eine Liebeserklärung an alle Menschen, denen Kultur als Heimat und Schutzraum dient - besonders in Zeiten der Bedrängnis.
(Verlagsinformation)

    Gundar-Goshen: Löwen wecken
  • Ayelet Gundar-Goshen
  • Löwen wecken
  • Kein & Aber 2016
  • ISBN 978-3-0369-5940-5
  • € 13.00

Ein Neurochirurg überfährt einen illegalen Einwanderer. Es gibt keine Zeugen, und der Mann wird ohnehin sterben - warum also die Karriere gefährden und den Unfall melden? Doch tags darauf steht die Frau des Opfers vor der Haustür des Arztes und macht ihm einen Vorschlag, der sein geordnetes Leben komplett aus der Bahn wirft.
Wie hätte man selbst in einer solchen Situation gehandelt? Diese Frage schwebt über dem Roman, der die Grenzen zwischen Liebe und Hass, Schuld und Vergebung und Gut und Böse meisterhaft auslotet. Ein stürmischer Roman, der zeigt, wie zerbrechlich unser geordnetes Leben eigentlich ist.