Es gibt keine Seligkeit ohne Bücher.

Arno Schmidt

Buchtipps des Monats - Dezember 2009

    Duve: Weihnachten mit Thomas Müller
  • Karin Duve
  • Weihnachten mit Thomas Müller
  • Eichborn 2004
  • ISBN 978-3-8218-0747-8
  • € 9.95

Thomas Müller, der Teddy der Familie Wortmann, hat beim Weihnachtseinkauf seine Familie verloren. Dann wurde er von einem Taxifahrer verprügelt, der merkte, dass er sich ohne Geld in die heimatliche Vorstadt kutschieren lassen wollte. Verzweifelt sitzt der Teddy mitten in der menschenleeren, nächtlichen Innenstadt von Hamburg, wo sein verfilztes Fell langsam am Brunnenrand festzufrieren beginnt... "Weihnachten mit Thomas Müller" ist ein Märchen über die Hoffnung und die Hoffungslosigkeit, über Verzweiflung und Freundschaft, über Heimat und die Freuden unvermuteter Rettung.

    Sielaff (Hrsg.): Der Humor der Wolken
  • Volker Sielaff (Hrsg.)
  • Der Humor der Wolken. Moderne Poesie aus Taiwan
  • Taipei Book Fair Foundation 2009
  • ISBN
  • € 8.00

„Mir scheint das weiße Blatt eine schöne Metapher für die Übersetzung von Poesie und für das Dichten im allgemeinen zu sein“, schreibt Volker Sielaff in der von ihm herausgegebenen Sammlung moderner Poesie aus Taiwan „Der Humor der Wolken“. Da ist nicht an Versinterung gedacht,sondern eher an die Stille, in die Töne gemengt wird und das Unbunte, dem man Farben aufmalt. Das Gedicht ist jenes Gebilde, mit dem die Korrespondenz beginnt, dort, wo noch nichts ist, und es führt sie auf seine Weise je nach Kultur und Sprache und Individuum. Das taiwanesische Gedicht muß ein anderes sein und ist vom Grunde her wie jedes andere auch ein universelles. Gerade mal 12 Dichter/innen findet man in diesem Paperback, von acht Übersetzern übertragen. Es kann nur eine grobe erste Skizze sein, ein Appetizer. Ob auf den einsamen Alten Zhou Mengdie (geb. 1921), bei dem das Offensichtliche verschwimmt und die Realität zur Fähre wird, auf der man übersetzt von Moment zu Moment, oder auf die international schon bekanntere Hsia Yü (geb. 1956), die das sinnschwere Bauchreden mit Zufallsreden ersetzt (tatsächlich hat sie für ihren Gedichtband „Reibung: unaussprechlich“ den Vorgänger „Bauchrednerei“ Zeichen für Zeichen zerschnitten, Zeichen, die ja in der chinesischen Sprache für Morpheme, ganze Begriffe stehen, und völlig neu zusammengesetzt).

Es gibt einige lesenswerte Gedichte darin, und das macht bei einigen Autoren Appetit auf mehr. (Frank Milautzcki) fixpoetry.com: Dervollständige Text der Rezension von Frank Milautzcki

    Pessoa: Ein anarchistischer Bankier
  • Fernando Pessoa
  • Ein anarchistischer Bankier
  • Wagenbach 2006
  • ISBN 978-3-8031-1236-1
  • € 13.90

n einem Freund befragt, gibt "ein großer Händler und ehemaliger Schieber" Auskunft über seinen Aufstieg vom einfachen Arbeiter zum wohlhabenden Bankier. Aber auch über seine anarchistische Gesinnung, die er nie aufgegeben hat. Mit verblüffend schlüssiger Logik legt er seinem fassungslosen Zuhörer dar, daß diesem Aufstieg eine anarchistische Methode zugrunde liegt: "Geld zu erwerben, es in so großer Menge zu erwerben, daß sein Einfluß nicht mehr spürbar werden konnte." Der einzig logische Schluß kann denn auch nur lauten: Der wahre Anarchist muß Bankier werden, der wahre Bankier ist konsequenter Anarchist.

    Müller: Atemschaukel
  • Herta Müller
  • Atemschaukel
  • Hanser 2009
  • ISBN 978-3-446-23391-1
  • € 19.90

Rumänien 1945: Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Die deutsche Bevölkerung lebt in Angst. "Es war 3 Uhr in der Nacht zum 15. Januar 1945, als die Patrouille mich holte. Die Kälte zog an, es waren -15º C." So beginnt ein junger Mann den Bericht über seine Deportation in ein Lager nach Russland. Anhand seines Lebens erzählt Herta Müller von dem Schicksal der deutschen Bevölkerung in Siebenbürgen. In Gesprächen mit dem Lyriker Oskar Pastior und anderen Überlebenden hat sie den Stoff gesammelt, den sie nun zu einem großen neuen Roman geformt hat. Ihr gelingt es, die Verfolgung Rumäniendeutscher unter Stalin in einer zutiefst individuellen Geschichte sichtbar zu machen. Herta Müller erhielt den Literaturnobelpreis 2009.

    Halmay: Schlusslichter
  • Petr Halmay
  • Schlusslichter
  • edition korrespondenzen 2009
  • ISBN 978-3-902113-61-0
  • € 17.90

»Schlusslichter« von Petr Halmay ist eine knappe, lakonische Lebensbilanz eines Mittvierzigers. Seine Gedichte umspielen in feinen Tönen jene Zäsur in der Mitte des Lebens, wo die eigene Endlichkeit nicht nur bewusster, sondern vor allem auch stärker wahrgenommen wird. Elegisch gestimmte Orte – eine dahinkümmernde Sommerfrische, das Möbellager eines Theaters, hölzerne Bootshäuser – grundieren die still bewegten Bilder und Momentaufnahmen, in welche nach und nach erst der Sohn, dann der Vater, die Mutter und die eigene Frau auftauchen. Diese gewinnen zunehmend an Raum, sodass sich inmitten »des von keinem gesehenen Todes« eine zarte Verschiebung abzeichnet von der wehmütigen Stagnation hin zu einem in seiner Brüchigkeit glückenden Leben. Mit sicherem Gespür für Details, ja scheinbare Nebensächlichkeiten, kreiert Halmay eine Atmosphäre, die in ihrer Leichtigkeit und Melancholie jene entscheidenden existenziellen Zwischentöne einfängt, die das menschliche Sich-Selbst-Fremdsein sichtbar werden lassen und es in heilsamer Stille auffangen.

    Gustafsson: Frau Sorgedahls schöne weiße Arme
  • Lars Gustafsson
  • Frau Sorgedahls schöne weiße Arme
  • Hanser 2009
  • ISBN 978-3-446-23273-0
  • € 19.90

Ich brauche nicht zu verreisen. Ich bin schon da., sagt Gustafssons Ich-Erzähler, ein siebzigjähriger Philosophieprofessor in Oxford, wenn er sich auf eine Zeitreise in seine Vergangenheit begibt. Denn die Zeit ist für ihn ein Möbiusband, ohne Anfang, ohne Ende und immer gleichermaßen präsent. Und schon ist er mitten drin im Schweden der fünfziger Jahre, im vertrauten Västmanland. Bei der frommen Pfingstgroßmutter und ihrer halbverrückten Schwester, beim Geschmack der Zimtbirnen, bei den heimlichen „philosophischen“ Treffen der Jungs im Heizungskeller und bei Magister Slipsten, dem sadistischen Lehrer, der von den Schülern aus Rache in den Wahnsinn getrieben wird. Und vor allem bei den Frauen, den frühen Geliebten, die noch genauso verführerisch und ein wenig rätselhaft sind wie damals: Ingela, die Tochter des Gießers aus dem benachbarten Sommerhaus, und Frau Sorgedahl, die einen langweiligen Mann und so schöne weiße Arme hat.

Nach vielen Jahren ist Gustafsson an die vertrauten Schauplätze seiner Jugend in Västmanland zurückgekehrt, zu seinem Glück und zu dem der Leser, ein weiser, schalkhafter Erzähler, voll gelassener Heiterkeit.