Wer Bücher schenkt, schenkt Wertpapiere.

Erich Kästner

Buchtipps des Monats - Herbst 2016

    Handke: Vor der Baumschattenwand nachts
  • Peter Handke
  • Vor der Baumschattenwand nachts. Zeichen und Anflüge von der Peripherie, 2007-2015
  • Jung und Jung 2016
  • ISBN 978-3-99027-083-7
  • € 28.00

Kaum ein zweiter Autor hat in den letzten Jahrzehnten die Welt mit so viel Aufmerksamkeit angeschaut wie Peter Handke; und diese Aufmerksamkeit ist Wahrnehmung, die gelten lässt. Sie muss nicht mehr in Sprache übertragen werden, denn sie ist Sprache, der Blick ist das Wort, in dem das Gesehene sich tatsächlich wahrgenommen fühlt.
Immer wieder gelingt es diesem Dichter die Welt so darzustellen, dass sie zur Geltung kommt und sie sich und wir sie erkannt wissen, und immer schon ist ihm das in besonderer Weise in seinen Notiz- und Tagebüchern gelungen. In denen der Jahre nach der Jahrtausendwende hat Peter Handke sich zunehmend darauf eingelassen, seine Beobachtungen in aphoristischen Formulierungen zu bündeln, die für den Leser Anstöße in offenes Gelände sind, wo er im "Karawanenzug der Sätze" der Welt auf ungewohnte und erfrischende Weise begegnet. Der Blick ist das Wort - für keinen Dichter gilt das so wie für Peter Handke, vorzüglich in seinen Notiz- und Tagebüchern.

    Kuhlmann: Armstrong
  • Torben Kuhlmann
  • Armstrong. Die abenteuerliche Reise einer Maus zum Mond
  • NordSüd Verlag 2016
  • ISBN 978-3-314-10348-3
  • € 19.99

Amerika in den 1950er Jahren. Eine kleine, wissbegierige Maus beobachtet jede Nacht den Mond durch ein Fernrohr, während ihre Artgenossen einem höchst unwissenschaftlichen Käsekult verfallen sind. Kann der Mond wirklich aus Käse sein? Angespornt durch die Pionierleistungen der Mäuseluftfahrt, beschließt die kleine Maus, der Frage auf den Grund zu gehen. Sie fasst einen großen Entschluss: Sie wird als erste Maus zum Mond fliegen!
In seinem zweiten großen Abenteuer einer kleinen Maus zeigt Torben Kuhlmann seine ganze Meisterschaft sowohl als Illustrator stimmungsvoller und eindrücklicher Bilder als auch als raffinierter Erzähler von spannenden Geschichten. Hier überzeugen alle liebevoll erfundenen Details.

Buchtipps des Monats - Sommer 2016

    Draesner: Sieben Sprünge vom Rand der Welt
  • Ulrike Draesner
  • Sieben Sprünge vom Rand der Welt
  • btb 2016
  • ISBN 978-3-442-71320-2
  • € 11.99

Was es bedeutet, die Heimat zu verlieren.
Ulrike Draesner kreuzt die Lebenswege der schlesischen Grolmanns mit dem Schicksal einer aus Ostpolen nach Wroclaw vertriebenen Familie. Vier Generationen kommen zu Wort. Virtuos entwirft der Roman ein Kaleidoskop der Erinnerungen, die sich zu immer neuen Bildern fügen. Sie zeigen, wie durch Zwangsmigration zugefügte Traumata sich auswirken, wie seelische Landschaften sich von einer Generation in die nächste weiterstempeln. Die Geschichten der Grolmanns und der Nienaltowskis werden zum Spiegel von hundert Jahren mitteleuropäischer Geschichte. Mitreißend und poetisch erzählt die Autorin von den Mühen und Seligkeiten der Liebe zwischen Eltern und Kindern, von Luftwurzeln, Freiheit und Migration.

    Starke: Offene Türen
  • Günter Starke
  • Offene Türen. Wohnen und Leben in der Dresdner Neustadt 1982 bis 1996
  • Mitteldeutscher Verlag 2016
  • ISBN 978-3-95462-732-5
  • € 24.95

Günter Starke gilt als Chronist der Dresdner Neustadt. Seine Bilder des Stadtviertels aus den achtziger und neunziger Jahren zeigen Menschen, Innenräume, Fassaden, Hinterhöfe und mehr. Alle Aufnahmen vermittelten dabei ein Gefühl von "zu Hause". Denn der Fotograf und Mensch Günter Starke erweckt das Viertel zum Leben. Sein Blick fällt in die Mietshäuser, deren Wohnräume, Kinderzimmer, Treppenhäuser, verweilt davor, durchstreift die Straßen, begleitet die Leute auf dem Weg zum
Einkauf, in die Gaststätte ... So sind seine Aufnahmen nicht bloß reine Dokumentation,
sondern vielmehr ein "Sichtbar-Machen" der Lebens- und Wohnumstände eines ganzen Viertels und seiner Bewohner.

    Handke: Vor der Baumschattenwand nachts
  • Peter Handke
  • Vor der Baumschattenwand nachts. Zeichen und Anflüge von der Peripherie, 2007-2015
  • Jung und Jung 2016
  • ISBN 978-3-99027-083-7
  • € 28.00

Kaum ein zweiter Autor hat in den letzten Jahrzehnten die Welt mit so viel Aufmerksamkeit angeschaut wie Peter Handke; und diese Aufmerksamkeit ist Wahrnehmung, die gelten lässt. Sie muss nicht mehr in Sprache übertragen werden, denn sie ist Sprache, der Blick ist das Wort, in dem das Gesehene sich tatsächlich wahrgenommen fühlt.
Immer wieder gelingt es diesem Dichter die Welt so darzustellen, dass sie zur Geltung kommt und sie sich und wir sie erkannt wissen, und immer schon ist ihm das in besonderer Weise in seinen Notiz- und Tagebüchern gelungen. In denen der Jahre nach der Jahrtausendwende hat Peter Handke sich zunehmend darauf eingelassen, seine Beobachtungen in aphoristischen Formulierungen zu bündeln, die für den Leser Anstöße in offenes Gelände sind, wo er im "Karawanenzug der Sätze" der Welt auf ungewohnte und erfrischende Weise begegnet. Der Blick ist das Wort - für keinen Dichter gilt das so wie für Peter Handke, vorzüglich in seinen Notiz- und Tagebüchern.

    Mayer: Die Nähe
  • Eckehard Mayer
  • Die Nähe
  • Stekovics 2016
  • ISBN 978-3-89923-358-2
  • € 14.80

Der Dirigent E.F. Buch ist ein Jahr früher als notwendig in Pension gegangen. Das Theater wollte nicht mehr mit ihm und er nicht mehr mit dem Theater. Er versucht sein Leben neu zu ordnen und zieht in sein ersehntes Traumhaus jenseits der Stadt, wo er vom äußeren Leben abgeschnitten ist. Er ist mit seinem Alleinsein höchst zufrieden. Ein gespenstisches Walderlebnis wird zum Auslöser für einen Aufbruch. Später dirigiert er Opern und Konzerte vor einem imaginären Publikum und gibt Klavier abende, alles in seinem Zimmer. Beim Laufen lernt er Emíl kennen, der Forellen züchtet und sein Freund wird. Und er verliebt sich in Evelyn und wird von ihr geliebt. Viele Tage des Fernseins von ihr lösen sich mit wenigen Stunden leidenschaftlicher Nähe ab. Auf dem Höhepunkt des Glücks steuert alles in die Katastrophe: Das Scheitern scheint endgültig zu sein.

Eckehard Mayer, geboren 1946 in Hainsberg (heute Freital), ist Komponist, Dirigent und Pianist. Seit 2002 ist er auch schriftstellerisch tätig. Eckehard Mayer lebt und arbeitet in Dresden.

Buchtipps des Monats - Frühjahr 2016

    Gustafsson: Doktor Wassers Rezept
  • Lars Gustafsson
  • Doktor Wassers Rezept
  • Hanser 2016
  • ISBN 978-3-446-25051-2
  • € 17.90

Dieser Mann ist ein Gewinner. Deshalb vertreibt er sich, gerade achtzig geworden, die Zeit mit Preisausschreiben. Vor allem aber lebt er in seinen Erinnerungen. Schon in der Schule war seine Liebe zu den Frauen größer als die zur Mathematik. Er arbeitete in einer Reifenwerkstatt und als Fensterputzer, bis er eines Morgens die Papiere eines tödlich verunglückten Motorradfahrers fand. Da verwandelte sich der junge Kent Andersson aus Schweden in Dr. Kurth Wasser, den DDR-Flüchtling und approbierten Arzt. Der ist als Schlafforscher ebenso begabt wie als Womanizer. Irgendwo zwischen Hochstapler und Glückspilz erfindet er sich immer wieder neu - und steht uns dabei vielleicht näher als wir denken.Wer ist Doktor Wasser? Ein Hochstapler? Einer, der sich im Leben immer wieder neu erfindet? Oder einer wie du und ich.

    Söllner: Knochenmusik
  • Werner Söllner
  • Knochenmusik
  • Edition Faust 2015
  • ISBN 978-3-945400-19-7
  • € 18.00

Werner Söllner ist auf den großen Bühnen nicht zu finden. Er ist ein Dichter des Unspektakulären, seine Poesie ist nicht geschwätzig, nicht abstrakt, nicht apodiktisch. Sie ist vorzugsweise einfach. Von dieser kunstvollen Einfachheit wird der Leser höflich in eine ahnungsvolle Arglosigkeit und zu den letzten Dingen geleitet. Und oft wird er vom lyrischen Ich Söllners mit den eigenen Paradoxa bekannt gemacht: "Was ich / falsch gemacht habe, war, falsch, / Weil ich es richtig machen / Wollte." Eine gute Portion Sarkasmus und eine Lebensperspektive fast ohne Hoffnung prägen diese sprachlich ausgefeilten und souverän komponierten Gedichte. Der nüchterne Ton führt nicht selten über Abgründe hinweg, in Ungewissheiten hinein, die einem die Sprache verschlagen. Doch der melancholische Grundzug erlaubt ihm immer wieder eine frivole Distanz zum eigenen Scheitern, die sich auch in übermütigen Zeilen freimachen kann.

    LaBan: So wüst und schön sah ich noch keinen Tag
  • Elizabeth LaBan
  • So wüst und schön sah ich noch keinen Tag
  • Hanser 2016
  • ISBN 978-3-446-25082-6
  • € 16.90

Im renommierten Irving-College ist es Tradition, seinem Zimmer-Nachfolger eine Überraschung zu hinterlassen. Duncan findet besprochene CDs seines Vorgängers Tim, die eine traurige Liebesgeschichte offenbaren. Tim, der als Albino meist zum Opfer von Anfeindungen und Mobbing wird, verliebt sich darin in die begehrenswerte Vanessa. Mit ihr fühlt er sich das erste Mal nicht als Außenseiter. Trotzdem fehlt ihm der Mut, ihr seine Gefühle zu gestehen. Ein Mangel an Selbstbewusstsein, der zum tragischen Unglück führt. Für Duncan ist Tims Geschichte aber der Anstoß, endlich den entscheidenden Schritt in Richtung Liebe zu tun. Ein mitreißendes Debüt über das Erwachsenwerden, verbotene Liebe und Verlust.Eine berührende und tragische Liebesgeschichte zwischen einem Außenseiter und seiner großen Liebe - ein Internatsroman mit Tiefgang.

    Grünbein: Die Jahre im Zoo
  • Durs Grünbein
  • Die Jahre im Zoo
  • Suhrkamp 2015
  • ISBN 978-3-518-42491-9
  • € 24.95

Ein Erinnerungsbogen aus Prosa, Poemen und Photographien, vom Jahrhundertwechsel 1900 bis zur Wende 1989
In einem Buch voller Geschichten, Verse und seltener Photographien zeigt sich Durs Grünbein von der autobiographischen Seite. Doch greift er weiter zurück, dorthin, wo das 20. Jahrhundert in frühen Konturen sichtbar wird. Von Hellerau, der Gartenstadt am Rande Dresdens, strahlt damals ein Lebensreformprogramm weit über die Grenzen eines Vororts hinaus: Sie wird Station für Kafka, Rilke, Benn und viele andere. Für Grünbein wird sie zum Ausgangspunkt, zu einer Stätte von prägender Kraft für den eigenen Lebensweg.
Von hier aus geht es weiter hinein in das Jahrhundert: Die Schicksale der Vorfahren väter- und mütterlicherseits, doch nicht weniger das ihm überlieferte Trauma der Zerstörung Dresdens sind schon Erzählungen, die tief in den Kreis seiner eigenen Erfahrungen eindringen. Über das atmosphärisch dichte Erlebnis der heimatlichen Brachen und der russischen Besatzung öffnet sich dann aber, in dieser äußersten Ecke des östlichen Deutschlands, ein konkreter Raum des Erinnerns: Und so entsteht das Bild seiner Kindheit - am Rand der Geschichte in den langen Sommern des Kalten Krieges.
Freundschaften und frühes Leid, schulische Erfahrungen und erste Lektüren, Lieblingsspielzeuge, (Berufs-)Träume, Phantasien und Phantasmen entfalten sich in einem farbenreichen Kaleidoskop aus autobiographischer Prosa, Poemen, Reflexionen und, nicht zuletzt, vielen Funden aus der reichen Bildersammlung des Dichters.

Durs Grünbein, 1962 in Dresden geboren, der u. a. mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnete Dichter und Essayist, gehört zu den bedeutendsten Autoren seiner Generation. Der Dialog mit den Naturwissenschaften und den Künsten ist von Anbeginn Thema seines Schreibens. Durs Grünbein befasst sich mit Fotografen wie Jeff Wall, William Eggleston oder Sternfeld, mit Künstlern wie Francis Bacon, Chardin, Cezanne, Ilya Kabakow, Hermann Nitsch u. a., er befragt sie nach ihrem Verhältnis zur Zeit, zum Körper und zur Geschichte. 2005 erhielt er den "Friedrich Hölderlin-Preis" und 2006 wurde Durs Grünbein mit dem "Pier Paolo Pasolino Preis", dem internationalen Lyrikerpreis, ausgezeichnet. Im Jahr 2012 wurde er mit dem Tomas-Tranströmer-Preis geehrt.